Gastbeitrag: Clickbaiting - Reichweite versus Nachrichtenwert

In Zeiten der medialen Reizüberflutung werden Überschriften immer bizarrer und sollen zum Klicken verleiten. Diesem Thema ist Gastautorin Bettina Seisenbacher-Hagen in ihrem ersten Beitrag nachgegangen.

Der Artikel von Santiago Campillo-Lundbeck „Trump und Wendler - Sind Skandale das wahre Geschäftsmodell der digitalen Medienökonomie?“ auf horizont.net vom 8.1.2021 hat natürlich Dank der Headline meine volle Aufmerksamkeit bekommen.

Im Artikel geht es dann aber weniger um Skandale, es ist auch keine Diagnose zum erwarteten Thema, sondern Campillo-Lundbeck zieht Rückschlüsse auf die Zukunft der Medien nach dem medialen Karriereaus der Herren Trump und Wendler. Zusammengefasst: Trump wurden die Zugänge zu den sozialen Plattformen Twitter und Facebook gesperrt, Wendler wurde von RTL in der aufgezeichneten Casting-Show DSDS rausgeschnitten. Beide haben über klassische Medien ihr Image und ihre öffentliche Relevanz aufgebaut und der Autor stellt die Frage, ob sie nun ohne diesen Rückhalt ihre Prominenz halten können. Trump muss sich nun mit Randmedien (z.B. Newsmax, Telegram) begnügen, Wendler hat neben Telegram zumindest noch Instagram und Facebook als Plattform, um mit den Fans zu kommunizieren. Erst durch die Summe der traditionellen und digitalen Medien konnten die beiden Reichweiten generieren.

Der Autor stellt die These auf, dass zuerst die traditionellen Medien den Kommunikationsregeln der neuen Medien gefolgt sind, sich nun die Machtverhältnisse ändern könnten. Und zwar in die entgegengesetzte Richtung, denn es könnte sich an diesen Beispielen zeigen, dass den „digitalen Medien ohne Multiplikatoreffekt der alten Medienwelt schlicht die Inhalte fehlen“.

Campillo-Lundbeck schreibt, „Wenn alle Akteure eines Kommunikationsnetzes gleichberechtigt sind und keine Stimme überlagert werden kann, haben ethische Bedenken letztlich ihren Sinn verloren.“ Alle Medien müssten demnach abwägen, ob es nur um die Reichweite oder um den Nachrichtenwert ginge. „Denn auch das gehört zu der Realität der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. Wenn alle Akteure eines Kommunikationsnetzes gleichberechtigt sind und keine Stimme überlagert werden kann, haben ethische Bedenken letztlich ihren Sinn verloren. Die Nachricht, auf die ein Medium verzichtet, gerät über einen anderen Kanal an die Öffentlichkeit. Damit wird für Medien die Lautstärke und das Reichweitenpotenzial einer Meldung zum einzig logischen Maßstab ihres Handels und Clickbait zur einzig konsequenten Strategie.“

Als ich den Artikel zu Ende gelesen habe, fühlte ich mich ertappt, weil mich die Überschrift dazu animiert hat; denn wie die meisten Menschen, die Social Media konsumieren, bin ich darauf konditioniert. Je schriller und lauter eine Überschrift ist, desto eher klicke ich den Artikel an. Auch ist mir eingefallen, dass ich in den letzten Jahren jeden Artikel angeklickt habe, wo über ein weiteres Vergehen von Donald Trump berichtet wurde. Eine Zeitlang habe ich auch alles gelesen, wo die verbalen Entgleisungen von Xavier Naidoo und anderen Prominenten in Zusammenhang mit QAnon breitgetreten wurden. Rein aus Neugier um den nächsten Aufreger.

Völlig unnütz, im Nachhinein betrachtet, aber es hat funktioniert. Ich denke, jede/r hat so seine/ihre persönlichen „Trigger-Themen“, über die man nicht ungelesen hinwegscrollen kann. Und dieser Mechanismus befeuert natürlich Medien, Skandale oder die vermeintliche Megastory in den Vordergrund zu rücken.

Für mich persönlich gab es hier eine Lernkurve: Ich bin trotz besseren Wissens nicht davor gefeit, in die Aufmerksamkeitsfalle von Medien zu tappen. Und mir ist klar, dass ich es auch wieder tun werde, wir Menschen ticken so. Zumindest wurde mir nach dem Artikel von Santiago Campillo-Lundbeck nochmals bewusst gemacht, es ist ein Geschäftsmodell. Ein Geschäftsmodell nach Clickbaits, wo der Inhalt oftmals nicht so wichtig ist.

DI (FH) Bettina Seisenbacher-Hagen  (bettina-seisenbacher.at)