Gastbeitrag: Zum Nutzen von Popularität am Beispiel der Fußball-WM in Katar 2022

Breitensport kann viel mehr als nur unterhaltsam sein. Er kann seine Popularität nutzen. So kann eine große Öffentlichkeit erreicht werden und Druck machen. Gastautorin Bettina Seisenbacher-Hagen hat sich zur WM in Katar Gedanken gemacht.

The Guardian berichtete erstmals davon, dass sei 2010 über 6.500 Menschen auf den Baustellen in Katar, das Land richtet die Fußball-WM 2022 aus, umgekommen sind. Das sind aber nur die offiziellen Zahlen. Interessant ist, dass laut einer Civey-Umfrage, die der SPIEGEL in Auftrag gegeben hat, 83 % der Deutschen die Vergabe des Fußballturniers an Katar grundsätzlich für falsch halten. Und bei der Frage, ob der Deutsche Fußball-Bund die WM boykottieren solle, haben 68 % der Befragten für einen Boykott gestimmt. Nur 21 % meinen, dass Deutschland am Turnier teilnehmen soll. Das sind, meines Erachtens stolze Zahlen für ein Land, in dem der Fußball König ist (so wurde mir das erzählt). Die gesamte Umfrage ist hier zu finden: http://bit.ly/spiegel-umfrage.


Der breiten Öffentlichkeit war das Thema der Ausbeutung von Arbeitsmigrant:innen auf den Baustellen von Katar vielleicht bewusst, aber so richtig in den Fokus ist es erst gerückt, als sich Anfang März der holländische Rasen-Lieferant Hendriks Graszoden dazu entschlossen hat, keine Geschäfte mit Katar zu machen. Aus einer Stellungnahme des Unternehmens: „Wir haben gesehen, was da vor sich geht. Wir wussten, dass bei den Arbeiten Menschen ums Leben gekommen sind, aber die Zahl von Sechseinhalbtausend hat uns enorm erschrocken“.


Wenn Nachrichten aus dem Gebiet des Fußballs es schaffen, auch mich zu erreichen, dann hat das mit einer enormen Breitenwirkung zu tun. Nicht nur aufgrund des Boykotts des Rasenherstellers, auch mit der Aktion der Nationalspieler aus Holland und Norwegen. Sie trugen in Matches Shirts mit klaren Botschaften: „Football Supports Change” und "Human rights – On and off the pitch" oder “Respect – On and off the pitch”. Die Spieler der Dänischen Nationalmannschaft haben eine entsprechende Petition unterschrieben.

 

In den Medien wird kontrovers diskutiert, ob man die WM boykottieren soll oder dies nun zum Anlass nehmen sollte, Gespräche mit dem Land zu führen, um einen Reformprozess einzuleiten. Hier sind sich, naturgemäß aus unterschiedlichen Gründen, Fifa-Präsident Gianni Infantino sowie Amnesty International einig. Der Fifa-Präsident plädiert, wenig überraschend, für die Trennung von Politik und Sport und meint, ein Boykott wäre „der falsche Weg. Es ist immer, war immer und wird immer der einzige Weg sein, in den Dialog zu treten und sich zu engagieren, um Veränderungen herbeizuführen." Amnesty International sieht dies ähnlich und fordert in einer Petition unter anderem die Fifa dazu auf, gegen die Verletzung von Menschenrechten anzugehen und ihren Einfluss geltend zu machen. Die Petition kann hier unterzeichnet werden: http://bit.ly/amnestyinternational-petition.


Ich denke, es überrascht hier keine Leserin und keinen Leser, dass ein Breitensport wie Fußball eine solche Kommunikationswirkung hat. Und, es ist sehr positiv zu sehen, dass diese Wirkung auch genutzt wird. Wirklich überrascht hat mich, dass ein Unternehmen auf wahrscheinlich viel Geld, verzichtet, weil es ein solches System nicht unterstützen möchte. Dass die einzelnen Nationalmannschaften natürlich an der WM in Katar teilnehmen möchten, ist nicht verwunderlich, aber zumindest haben sie ihre Meinung zu den Zuständen öffentlich kundgetan.
Man sieht an diesem Beispiel, dass jede Veränderung von unfairen Systemen damit beginnt, dass darüber gesprochen wird. Und, dass jeder Mensch bzw. jedes Unternehmen es selbst in der Hand hat, mitzumachen, also sich zu bereichern. Oder es einfach zu lassen. Man stelle sich nun vor, es würden sich alle Zulieferer weigern, Baustoffe, etc. nach Katar zu liefern. Da wäre dann aber ganz schnell eine Reform möglich. Neben Katar hat auch die Fifa einiges zu verlieren. Nämlich Geld, verdammt viel Geld. Man verändert Systeme nie über die Botschaft, sondern über die Handlung, denn die Reputation ist diesen Systemen nämlich ziemlich egal. Und wenn das Geld nicht mehr fließt, würde sich so manches ganz rasch verändern.  Bettina Seisenbacher-Hagen