Interview des Monats

Herwig Dämon ist seit 2011 Leiter Kommunikation an der Universität Liechtenstein und als Vortragender zu den Themen Social Media und Content Strategie an Konferenzen der EAIE (European Association for Internatonal Education) und EUPRIO (European Universities PR and Information Officers), beim PRVA Vorarlberg sowie beim ‚Digital Campus‘ Programm von swissnex San Francisco aktiv. Am 19.11. referiert er für die Fachgruppe am WIFI Dornbirn.

Welche Unternehmen leisten in der Bodenseeregion Ihrer Ansicht nach bereits gute Social Media-Arbeit?
Herwig Dämon: „Vielen Dank für die schwierigste Frage gleich zu Beginn [lacht], denn die Definition von „gut“ ist natürlich vielfältig und subjektiv. Einer der bekannteren, aber auch umstrittenen Versuche, den Einfluss von Social Media Accounts und die Onlinereputation zu objektivieren, nämlich der „Klout Score“, wurde mittlerweile eingestellt.
Also verlassen wir uns auf Beobachtung und subjektive Eindrücke. Ich behaupte, dass sich Konsumgüterunternehmen mit Social Media immer noch etwas schwerer tun, als Non-Profits oder Organisationen in Bereichen wie Kultur, Sport, Tourismus oder Bildung. Warum? Weil die Markenartikler in Social Media häufiger werblich agieren. Spannende Social Media-Präsenzen zeichnen sich aber durch Authentizität, eine klar erkennbare Persönlichkeit und Interaktion ohne ständigen Verkaufsdruck aus. Das kann relativ unspektakulär, jedoch sauber gemacht, daherkommen, wie die Lebenshilfe Vorarlberg auf Facebook beweist.

Oder diese Eigenschaften begegnen uns in Gestalt realer Personen, wie der Sportlerin Linda Meixner auf Instagram. Natürlich verfügen manche Organisationen sozusagen ‚von Natur aus‘ über gute Voraussetzungen: Das zeigen die Bregenzer Festspiele mit ihrer Bild- und Videomacht auf Instagram und YouTube, oder auch Lech Zürs auf Instagram. Dabei ist jeweils auch der Einsatz von Instagram Stories auffällig, die Unmittelbarkeit und Nähe signalisieren. Aber auch abseits der „grossen Kanäle“ finden wir Interessantes: Vorarlberg Tourismus generiert auf Pinterest mit einer überschaubaren Menge an Inhalten und Followern eine erkleckliche Zahl von Aufrufen – übrigens mit pflegeleichten Evergreen-Inhalten. Nochmals zurück zu Konsumgütern: Einige Vorarlberger Brauereien sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich Markenpersönlichkeiten via Social Media transportieren lassen: Fohrenburger lässt auf Facebook Planung, Konsistenz und ein Augenzwinkern erkennen, Frastanzer nutzt die Personifizierung der Drei Schwestern.“

Von welchen Best-Practice-Beispielen können andere lernen?
Herwig Dämon: „Vor allem von jenen Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen, die drei Dinge verstehen und beherrschen: Persönlichkeit zeigen, die passende Kanalwahl treffen und Social-Media-Verständnis auf Leitungsebene. Was meine ich damit? Erstens: Social Media sind digitaler Plauderton, das muss eben sehr persönlich daherkommen, z.B. einen Blick hinter die Kulissen erlauben. Zweitens: Wer etwas zu zeigen hat, wird das vor allem auf Instagram oder YouTube tun. Wer als Journalist, Medienhaus oder Politiker auf Neuigkeiten angewiesen ist beziehungsweise diese teilt, kommentiert und diskutiert, macht das besser auf Twitter. Wer sich an junge Menschen richtet, setzt auf Instagram Stories oder lernt Snapchat. Und drittens: Social Media benötigen zumindest den Rückhalt, idealerweise ein Grundverständnis und im besten Fall sogar das eigene Engagement der Führung einer Organisation. Nur dann lässt sich die Marke glaubhaft transportieren und die Kommunikationsstrategie umsetzen. Ein Beispiel ist das Vorarlberger Architekturinstitut mit seiner Leiterin Verena Konrad auf Instagram.

Noch ein kleines Beispiel aus der Nachbarschaft: Das Weingut Schmidt in Nonnenhorn betreibt für den Betrieb selbst gar keinen eigenen Social Media Account, aber die Architektur der Weinbar – übrigens aus Vorarlberger Planung – ist so „instagramfähig“, dass sich unter dem Hashtag #schmidtambodensee die Marke durch so genannten „User Generated Content“, also durch Beiträge von Gästen, auf Instagram sehr sympathisch manifestiert.“

Welche Rolle spielen Ihrer Einschätzung nach „marketing automation“ und der Einsatz von AI in Social Media?
Herwig Dämon: „Die Automatisierung von Kommunikationsprozessen bewährt sich dort, wo etwa in hoher Geschwindigkeit und hoher Anzahl Anfragen beantwortet werden müssen, beziehungsweise wenn Quantität in Social Media eine Erfolgsgrösse ist. Das sehen wir am Beispiel der Twitter-Bots. Für eine Universität ist unter Umständen die Beantwortung von wiederkehrenden, relativ ähnlichen Facebook-Anfragen zu Aufnahmebedingungen und Stipendien mit Bots eine Möglichkeit, um Ressourcen zu sparen. Die frei werdende Zeit lässt sich dann nutzen, um mit menschlichem Geist, Charme und Humor die Qualität der Social Media-Kanäle voranzutreiben.“

Welche (Liechtensteiner) Veranstaltungen/Plattformen würden Sie unseren Branchenmitgliedern empfehlen?
Herwig Dämon: „Als Zuzügler darf ich mir erlauben, nicht an nationalen Grenzen Halt zu machen. Ich glaube, dass hier in der Region Bodensee/Rheintal die Überschaubarkeit sowie die Unkompliziertheit der kurzen Wege beste Voraussetzungen bieten, um in Sachen Social Media und Kommunikation einen offenen Erfahrungsaustausch über erfolgsversprechende Konzepte und Tiefschläge zu pflegen – im Sinne von „Sharing is caring“. Deshalb freue ich mich auch, in der Fachgruppe Kommunikation einen Beitrag leisten zu dürfen. Um die eigene Komfortzone zu verlassen, ist es aus meiner Sicht sinnvoll, sich laufend mit der digitalen Transformation auseinanderzusetzen und dazu ein breites Angebot in der Region zu nutzen – vom Digital Summit Liechtenstein über die Interactive West, Topping Deluxe bis zum Digital Festival in Zürich.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Hinweis auf die Veranstaltung im WIFI Dornbirn: