Interview des Monats

Das Atelier Gassner in Schlins beging 2016 sein vierzigjähriges Bestehen und wurde bereits x-fach national und international ausgezeichnet. Seit 2010 ist Andrea Gassner Teilhaberin bei ihrem Vater Reinhard Gassner. Das aus Anlass des Jubiläums produzierte Buch „Visuelle Geschichten“ wird am 8. März in der Aula der FH präsentiert.

Wie schwierig war es, aus über 40jährigem Schaffen 15 Projekte für das Buch auszuwählen? Nach welchen Kriterien erfolgte dies?
A. und R. Gassner: "Durch Reduktion und Konzentration war die Auswahl der Projekte nicht so schwierig. Wir haben die tiefere Befassung mit uns und unserer Arbeit eher als einen interessanten und wertschöpfenden Prozess empfunden. Das Buchprojekt verfolgt die Absicht, ein aktuelles, visuelles und redaktionelles Zeugnis des Schaffens abzugeben und gleichzeitig den mittelfristigen Übergang der atelierleitenden Agenden von Reinhard Gassner zu Andrea Gassner zu manifestieren. Das Buch will also mehr sein als ein Portfolio oder ein Corporate-Publishing-Projekt. Aus diesem Grund haben wir uns auf die letzten 15 Jahre und auf 15 referenzielle Projekte beschränkt. Es soll grafische Gestaltung mal von einer neuen Seite zeigen; seien es die unüblichen Aufgabenstellungen vorwiegend im Bereich Grafik, Raum und Architektur oder auch die Geschichten, die wir und externe Autoren dazu erzählen. Der Architekt Alberto Alessi schreibt in seinem Essay: „Die Arbeit des Atelier Gassner ist die Demonstration einer tieferen räumlichen Vorstellung. Das Ziel seiner Arbeit ist die Vermittlung eines Wertes und nicht die Vermittlung formaler Resultate“. Damit beschreibt er gleichzeitig ein Kriterium unserer Projektauswahl."

Sie sind Gestalter, arbeiten jedoch medienübergreifend. Wie gewichten Sie die digitale Welt in Ihrem Schaffen?
A. und R. Gassner: "Die digitale Welt brachte neue Werkzeuge und neue Kompetenz in den Arbeitsalltag eines angewandten Gestalters. Der Grafiker ist nun auch Typograf, Bildmacher und Druckvorstufenspezialist. Die neuen Medien bieten ganz neue Materialien der Gestaltung, wie Ton, Interaktion, Bewegung, mit denen wir uns vertraut machen müssen und die wir an geeigneter Stelle nutzen müssen. Das massive Auftreten und die allgegenwärtige Nutzung digitaler Medien hat allerdings auch unsere Art zu kommunizieren seit den 1990er-Jahren völlig verändert. Die neu entstehenden virtuellen Kommunikationsräume überrumpeln uns, sind immer in Bewegung, müssen permanent neu verhandelt werden. Logos und Marken werden mehr und mehr durch eine noch nie dagewesene Bilderflut und die globale Auffindbarkeit von jedem und allem konkurrenziert. Wenn inzwischen selbst für Kinder das Generieren und Manipulieren von Bildern selbstverständlich ist, dann wird die Bedeutung der Abbildung neu codiert. Die Autorität der Bildschöpfung ist weitgehend gebrochen und die Erzeugung von Bildern ist technisch und räumlich entgrenzt. Bilder und Videos sind die neuen „Wörter“. Sie werden als Bedeutungskomponenten mittels Smartphone laufend geteilt und mitgeteilt. Kreative Schöpfung und Kommunikation findet im Hier und Jetzt statt, ohne explizite kulturelle Verweise: „Ich maile, ich fotografiere und filme und ‚share it’, also bin ich“. Kaum spricht man jedoch von Dekontextualisierung der Nutzer, schon liefern algorithmengetriebene Medien über Profiling Pseudokontexte nach. Dabei handelt es sich allerdings um personalisierte Informationen, die auf das individuelle Konsuminteresse der Nutzer und den gewinnbringenden Verkauf ihrer Profile abzielen. Diesen scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten gilt es in der Kommunikation vermehrt Selektion, Orientierung und Qualität entgegenzusetzen."

Wieviel kreativen Raum gestatten Auftraggeber? Wie haben sich Vorgaben in vier Jahrzehnten verändert?
A. und R. Gassner: "Prinzipiell arbeiten wir prozesshaft. Oft, wie in einem Ping Pong-Spiel, nehmen wir die Auftraggeber auf Augenhöhe mit hinein in den Prozess der Lösungsfindung. Er gewinnt dadurch wertvolle Erkenntnisse für die angewandte Kommunikation und die Gewissheit, uns seine Ziele und Aufgaben präzise vermitteln zu können. In einem von visuellen Reizen überflutetem Umfeld wird es immer komplexer, die für uns wesentlichen Informationen herauszufiltern. Eine klare Kommunikation hat mit Verständigung und Begegnung zu tun. Die Sprache der Werbung und der visuellen Kommunikation befindet sich in einem massiven Wandel. Die Logos auf den Visitenkarten und Briefbögen werden von Jahr zu Jahr kleiner. Schlachtrufe weichen eleganteren Claims oder zurückhaltenden Taglines. Übertreibungen und Rufezeichen wirken heute altmodisch und uninteressant. Letztlich geht es darum, Daten zu Information werden zu lassen. Gestalter können dazu beitragen, indem sie an den Inhalten und Kommunikationsanliegen ihrer Kunden Interesse zeigen und sich einmischen in den Austausch zwischen Absender und Empfänger."

Ihr Büro ist vielfach preisgekrönt. Gibt es eine Auszeichnung, die mehr als alle anderen hervorsticht?
A. und R. Gassner: "Wir haben im Laufe der letzten Jahre an vielen nationalen und internationalen Wettbewerben teilgenommen. Designpreise zeigen ihre Wirkung. Wir haben oft sehr gute Feedbacks von unterschiedlichster Seite. Natürlich kommt es darauf an, in was für eine Liga man sich begibt, was für ein Range gegeben ist. Dass die Auswahl bei den Schönsten Büchern der Welt selektiver ist als die eines nationalen Wettbewerbs, ist klar. Es gibt auch unterschiedliche Schwerpunkte.
Designpreise werden generell wahrgenommen und haben ein positives Image. Die Botschaft, dass designprämierte Produkte eine besondere Qualität haben, kommt unmissverständlich an. Grundsätzlich zielt ein Designwettbewerb vor allem darauf, Design ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu tragen und zu verdeutlichen, welche Unterschiede in der Vielfalt der Gestaltung liegen."

Danke für das Gespräch!